
Hans-Ulrich Pfaffmann und Martin Güll: Der Kultusminister versucht mit allen Mitteln , das dreigliedrige Schulsystem zu retten. Die Mittelschule wird kein einziges schulpolitisches Problem lösen, sondern könnte selbst zu einem werden.


Die Reformpläne der schwarz-gelben Staatsregierung für die Hauptschule bringen keine pädagogischen Verbesserungen, es werden keine Hauptschulstandorte gesichert und es gibt keine kleineren Klassen. Die Kosten für die "Mittelschulen" und für die Schulverbünde lasten auf den Kommunen. In einer Pressekonferenz haben Hans-Ulrich Pfaffmann, MdL, Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Jugend und Sport im Bayerischen Landtag und bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und sein Fraktionskollege Martin Güll, MdL (rechts), ein Langjähriger Hauptschulrektor die Staatregierung aufgefordert Ihren Gesetzentwurf zurückzuziehen. Sie verlangten ein ein „Moratorium zugunsten einer nachhaltigen Bildungspolitik in Bayern. Darin muss insbesondere festgelegt werden, dass die wohnortnahe Schule erhalten bleibt und sich die Schullandschaft dem Bedarf vor Ort anpasst. Das beinhaltet eine ergebnisoffene Schuldiskussion und keine Verordnungen „von oben herab". Und: sie forderten eine pädagogische Schulentwicklung und gleiche Bildungschancen.
Die Vorlage zu ihrer Pressekonferenz hat folgenden Wortlaut:
Die „neue Mittelschule" – Eine Märchenstunde der Staatsregierung
für Lehrer und Lehrerinnen, Eltern, Schüler und Schülerinnen
und für die Sachaufwandsträger
Nach der Einführung der sechsjährigen Realschule und des achtjährigen Gymnasiums, sowie der Reform der gymnasialen Oberstufe fügt die Staatsregierung nun eine weitere Reform hinzu, die keinesfalls zu einer nachhaltigen Verbesserung der Schullandschaft in Bayern führen wird. Die Einführung von Mittelschulen und Schulverbünden wird Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schülerinnen und Schüler und Kommunen weiter verunsichern.
Der vorliegende Gesetzentwurf der Staatsregierung, der die Einführung von Mittelschulen und Schulverbünden regelt, bestätigt die Befürchtungen der SPD-Landtagsfraktion. Mit diesem Gesetzentwurf trägt die Staatsregierung weiter zur Verunsicherung in der bayerischen Schullandschaft bei, ohne ein einziges Problem zu lösen. Die SPD-Fraktion warnt die CSU/FDP-Mehrheit im Landtag davor, dieses Gesetz zu beschließen.
Die Mittelschule ist bereits im Vorfeld durchgefallen! Die Staatsregierung allerdings schlägt alle Warnungen eiskalt in den Wind. Das erinnert in fataler Weise an die Einführung des G8 oder die Reform der gymnasialen Oberstufe. Auch da wurden alle Warnungen im Vorfeld nicht ernst genommen. Das Ergebnis ist bekannt.
Die SPD fordert erneut alle Verantwortlichen auf, mit dem heillosen Durcheinander, dem konzeptionslosen Aktionismus in der bayerischen Schulpolitik endlich Schluss zu machen. Gefordert wird eine „Koalition der Vernünftigen". Denn die Mittelschule wird kein einziges schulpolitisches Problem lösen, sondern könnte im Gegenteil selbst zu einem werden.
Bereits im Vorfeld wird die Einführung der Mittelschule von wichtigen Institutionen abgelehnt:
Die vorläufig sechs Märchen des Kultusministers über die
Einführung der Mittelschule und der Schulverbünde. Fortsetzung folgt.
Nach erster Durchsicht des umfangreichen Gesetzentwurfes zur Änderung des Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes mit dem Ziel, Mittelschulen und Schulverbünde einzuführen kommt die Wahrheit auf den Tisch:
Das Märchen von der Stärkung der Hauptschulen
Bisher wurde der Eindruck vermittelt, die Hauptschulen werden zu Mittelschulen umgebaut. Dieser Eindruck ist falsch. Mit den Mittelschulen wird eine neue Schulart eingeführt. Das heißt, Hauptschulen, die nicht Mittelschulen werden können, werden zur vierten Schulart nach der Grundschule in Bayern, oder sie werden schließen müssen. Im Übrigen ist die Einführung der Mittelschule oder eines Schulverbundes freiwillig, so der Gesetzentwurf.
Das heißt im Klartext: Die verbleibenden Hauptschulen werden noch stärker entwertet, während die Mittelschulen keine spürbaren Verbesserungen sowohl pädagogisch als auch organisatorisch aufweisen können.
Das Märchen vom Erhalt der wohnortnahen Schule
Der Gesetzentwurf sieht vor, dass der Mittelschulverbund in einem einheitlichen Schulsprengel organisiert wird und eine budgetierte Lehrerstundenzuweisung erhält. Damit soll der Verbund eigenständig und flexibel über Abweichungen von den vorgegebenen Klassenstärken selbst entscheiden können. Das bedeutet das Aus für alle kleinen Schulstandorte, weil diese naturgemäß zum Erhalt des Standortes mehr Lehrerstunden brauchen. Außerdem wird sich mittelfristig die Schullandschaft auf die Standorte mit dem Angebot des Mittleren Schulabschlusses konzentrieren.
Das heißt im Klartext: Wenn die Lehrerstunden aus dem Verbundbudget zum Erhalt der kleineren Schulen nicht ausreichen, muss der Sachaufwandträger entweder die notwenigen Lehrer und Lehrerinnen selbst bezahlen oder die Schule schließen. Die Verantwortung allerdings trägt dann der Schulverbund der Mittelschule. Die Gewinner werden die größeren Schulstandorte sein, die Verlierer die wohnortnahen, kleineren Schulen.
Das Märchen von der Kostenneutralität
Der Gesetzentwurf zeigt auf, das die Staatsregierung nicht bereit ist, die durch die Einführung von Mittelschulen entstehenden Kosten zu tragen. Es wird ausgeführt, dass keine Mehrkosten entstehen. Außerdem sieht der Entwurf vor, dass Konnexitätsleistungen durch den Staat anlässlich der Einführung von Mittelschulen und Schulverbünden nicht zu leisten sind.
Das heißt im Klartext: Alle entstehenden Kosten sind von den Kommunen selbst zu tragen. Dies gilt sowohl für die Investitionskosten, als auch für die laufenden Kosten.
Das Märchen vom geringeren Beförderungsaufwand
Das Konzept der Staatsregierung geht davon aus, dass es durch Schulverbünde zu deutlich geringeren Beförderungskosten kommen wird als bei einer Schulorganisation ohne Schulverbünde. Tatsache ist jedoch, dass ein erhöhter Beförderungsaufwand zum einen deswegen entsteht, weil Schüler und Schülerinnen an andere Schulen zum Unterricht in Wahlpflichtfächern (Technik, Soziales, Wirtschaft) gefahren werden müssen. Zum anderen wird ein erhöhter Schülertransport durch Klassenzusammenlegungen notwendig sein, weil die zu geringe Lehrerstundenzuweisung dies erfordert.
Das heißt im Klartext: Die Kommunen bleiben auf allen Kosten sitzen, weil sie nach dem Gesetzestext alle notwendigen Maßnahme im Zusammenhang mit den Mittelschul-Verbünden selbst veranlassen. Somit entfallen alle Leistungen des Staates aus der Konnexitätsverpflichtung.
Das Märchen von der Wahlfreiheit der Schüler und Schülerinnen
Das Mittelschulkonzept sieht vor, dass die Schüler und Schülerinnen innerhalb des Mittelschulsprengels in Schulen wechseln können, die das jeweilige Pflicht- bzw. Wahlpflichtangebot vorhalten. Der dadurch entstehende zusätzliche Beförderungsaufwand ist wiederum von den Kommunen zu tragen. Dies gilt auch, wenn die Schulverbundspartner zur Stabilisierung eines Schulstandortes Schüler und Schülerinnen, die bisher eine andere Schule besucht haben, zu einer kleinen Schule befördern wollen. (Privatsache der Gemeinden!)
Das heißt im Klartext: Muss oder wird ein Schüler/Schülerin in eine andere Schule gefahren, sei es wegen dem notwendigen Unterrichtsangebot, oder wegen der Stabilisierung des Standortes, zahlt der Sachaufwandsträger die Kosten alleine.
Das Märchen von den Ganztagsangeboten an Mittelschulen
Der Gesetzentwurf geht davon aus, dass der Bedarf an ganztägigen Angeboten vor Ort durch allgemeine gesellschaftliche und bildungspolitische Entwicklungen bedingt sind und nicht aus einer gesetzlichen Verankerung. Das bedeutet, dass Ganztagsangebote, die über bereits bestehende Ganztagszüge hinausgehen, nicht finanziert werden sollen und dies obwohl zur Genehmigung einer Mittelschule zwingend Ganztagsangebote vorgehalten werden müssen.
Das heißt im Klartext: Wer Mittelschule werden will, muss ein Ganztagsangebot einrichten (sofern nicht bereits vorhanden) und es auch selbst bezahlen.
Forderungen der SPD im bayerischen Landtag – die Alternative
zur Märchenstunde der Bayerischen Staatsregierung
Bayern braucht…