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60. Todestag: SPD erinnert an Erhard Auer
Franz Maget und Ulrike Mascher legen Kranz am Grab nieder

archiv/050318AuEh.jpg Auch SPD-Chef Franz Müntefering gedenkt des weiß-blauen SPD-Patrioten

Die SPD hat am Freitag mit einer Kranzniederlegung am Grab von Erhard Auer an den 60. Todestag des königlich-bayerischen Sozialdemokraten erinnert. Mit Auer war am 20. März 1945 einer der markantesten Politiker aus der Frühzeit des Freistaats gestorben. Von 1918 bis 1933 war er Landesvorsitzender der bayerischen SPD, von 1907 bis 1933 Mitglied des Landtags, kurzeitig Reichstagsabgeordneter, Münchner Stadtrat, Chefredakteur und später Mitherausgeber der „Münchner Post“, Antipode Eisners und dessen Partner als erster Innenminister des jungen Freistaats Bayern.

Gemeinsam mit der stellvertretenden Vorsitzenden der bayerischen SPD, Ulrike Mascher, hat der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Franz Maget, auf dem Ostfriedhof - auch im Namen des SPD-Bundesvorsitzenden Franz Müntefering am Grab Auers einen Kranz niedergelegt.

Erhard Auer: Ein weiß-blauer sozialdemokratischer Patriot
Eine Würdigung von  SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget

Vor 60 Jahren, am 20. März 1945, starb einer der markantesten Politiker aus der Frühzeit unseres Freistaats: der „königlich-bayerische Sozialdemokrat" Erhard Auer, von 1918 bis 1933 Landesvorsitzender der bayerischen SPD, von 1907 bis 1933 Mitglied des Landtags, kurzeitiger Reichstagsabgeordneter, Münchner Stadtrat, Chefredakteur und später Mitherausgeber der „Münchner Post“, Antipode Eisners und dessen Partner als erster Innenminister des jungen Freistaats Bayern.

Zusammen mit Georg von Vollmar verkörperte Erhard Auer die bayerische Sozialdemokratie vor 1933 wie kaum jemand. Als gebürtiger Niederbayer, der zudem aus ärmlichen Verhältnissen stammte, wurde ihm das Gespür für die alltäglichen Sorgen und Nöte der Bevölkerung in die Wiege gelegt. Dass er allerdings auch als Versammlungsredner und Wahlkämpfer Anklang finden würde, war zunächst ebenso wenig abzusehen gewesen, wie die steile Karriere, die er in der bayerischen Arbeiterbewegung machen sollte. 

Bereits im Alter von zwei Jahren starb die Mutter, seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Auer wuchs daher als Dorfarmenkind auf. Nach dem Besuch der Dorfschule musste er sich als Hüterjunge und Knecht seinen Lebensunterhalt verdienen. Als sich im Jahr 1890 - Auer war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt - Dienstboten unter seiner Führung zusammenschlossen, um eine bessere Verköstigung zu fordern, wurde er wegen „Gründung und Förderung einer gemeingefährlichen Organisation“ für acht Tage inhaftiert. Der Einsatz für soziale Gerechtigkeit wurde als Angriff auf die bestehende Gesellschaftsordnung verstanden.

Den Weg zur Arbeiterbewegung fand Auer erst nach Ableistung seines Militärdiensts beim Infanterieleibregiment. Dadurch war er nach München gekommen, wo er anschließend eine Anstellung als Ausgeher eines Warenhauses fand und in Abendkursen die Ausbildung zum Handelskaufmann absolvierte.

Nach seinem Eintritt in die Sozialdemokratie gewann er allerdings rasch an Ansehen und Einfluss. Dies verdankte er zum einen seinem Organisationstalent, zum anderen aber auch der Förderung durch Georg von Vollmar, den führenden Kopf der bayerischen SPD. Auer wurde rasch zu dessen rechter Hand und in dem Maße, in dem sich der Parteivorsitzende krankheitsbedingt aus der Öffentlichkeit zurückzog, auch zu dessen Stellvertreter. Sein Ehrgeiz und sein machtpolitischer Instinkt trugen das Ihre dazu bei, dass er bald als legitimer Erbe Vollmars angesehen wurde.

Vieles deutet darauf hin, dass sich Auer auch selbst als Vollstrecker der von Vollmar ausgearbeiteten politischen Strategie verstand. Die Absage an den revolutionären Umsturz und das klare Bekenntnis zu einer Politik der Reformen teilte er aus innerstem Herzen. Dies verschaffte ihm Anerkennung über die Grenzen der eigenen Partei hinaus. Ja selbst im Umfeld von Staat und Regierung galt er bald als respektable Persönlichkeit. Damit verkörperte Auer den Aufsteigertypus unter den Arbeiterführern, der sich über sein Engagement in der Partei aus einfachsten Verhältnissen zu einer weithin geachteten Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und damit auch zu materieller Sicherheit empor gearbeitet hatte. Für seine Anhänger wurde er damit aber zugleich zum Symbol für den Selbstbehauptungs- und Emanzipationswillen der bayerischen Arbeiterbewegung.

Der reformistische Ansatz der bayerischen SPD machte es Auer leicht, die Partei nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf die Burgfriedenspolitik einzuschwören. Der innerparteilichen Antikriegsbewegung, die sich mit zunehmender Kriegsdauer immer vehementer zu Wort meldete, stand er scharf ablehnend gegenüber. In seinen Augen gefährdete sie nicht nur die von der Partei bis dahin erzielten Erfolge, sondern auch die politischen und verfassungsrechtlichen Zugeständnisse, die sich die Partei von ihrem Stillhalten erhoffte. Auer übersah, dass er mit dieser Strategie die Kontrolle über die weitere Entwicklung zu verlieren drohte. Beim Januarstreik 1918 gelang es ihm noch, die Demonstrationen für eine rasche Beendigung des Krieges in geordnete Bahnen zu lenken und ihnen so die Spitze zu nehmen. Am 7. November 1918 scheiterte er jedoch in seinem Bemühen, Kurt Eisner und die USPD erneut unter Kontrolle zu bringen. 

Ohne Auer und die Mehrheitssozialdemokratie war Eisner allerdings kaum in der Lage, die weitere Entwicklung zu beherrschen. So gelang es Auer, sich bei der Regierungsbildung nach Ausrufung des „Freistaats“ durch Eisner das Amt des Innenministers zu sichern. Er war damit auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn angelangt. Knapp vier Monate bestimmte er die Geschicke Bayerns entscheidend mit. Dabei gelang es ihm zunächst, die befürchteten nachrevolutionären Ausschreitungen zu verhindern. Im Konflikt mit dem Ministerpräsidenten Eisner verstand er es aber auch, den Einfluss der Räte klein zu halten und baldige Landtagswahlen durchzusetzen. Mit seiner Hinhaltetaktik führte er die Regierung allerdings mehrfach an den Rand des Scheiterns. Für die äußerste Linke wurde er dadurch mehr und mehr zum Feindbild. Am Tag der Ermordung Eisners wurde deshalb auch auf Auer ein Attentat verübt, das er schwer verletzt überlebte. Der Täter, Alois Lindner, hatte Auer als Drahtzieher des Anschlags auf den Ministerpräsidenten angesehen.

Nach seiner Genesung übernahm Auer wieder das Szepter der bayerischen SPD und konnte sein früheres Ansehen zurückgewinnen. Im Landtag bekleidete er von 1920 bis 1933 das Amt eines Vizepräsidenten. 

Im Kampf gegen die Nazis strebte Auer ein Bündnis mit dem bürgerlichen Lager an. Da diese nicht bereit war, die SPD in die Regierungsverantwortung mit einzubeziehen, musste Auer die Machtergreifung weitgehend hilflos mit ansehen. Die NS-Herrschaft brachte für ihn selbst Misshandlungen, KZ-Haft in Dachau und seinen erzwungenen Rückzug nach Karlsruhe mit sich. Der in seinen letzten Lebensjahren unter einer schweren Zuckerkrankheit leidende starb im Alter von 70 Jahren in Giengen an der Brenz auf einem Transport, bei dem Alte und Kranke vor den heranrückenden amerikanischen Truppen nach Osten evakuiert wurden. Das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte er noch kommen sehen, den demokratischen Neuanfang aber nicht mehr erleben dürfen. Ob er noch einmal die Kraft gefunden hätte, ihn mitzugestalten, ist fraglich. Die Erfahrung des Endes der NS-Terrorherrschaft hätte aber immerhin einen versöhnlichen Abschluss für ein Leben bilden können, das dem Kampf um Demokratie und soziale Gerechtigkeit gewidmet war.

(18.03.2005)