
Hans-Ulrich Pfaffmann in seiner Pressekonferenz zum Schul-Jahresabschluss
Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich Pfaffmann, hat heute in einer Pressekonferenz zum Thema "Warum Kultusminister Schneider das Klassenziel nicht erreicht hat, und welche ‚Fächer' ihn deshalb auch nächstes Jahr wieder beschäftigen werden" Bilanz nach dem Schuljahr 2005/06 gezogen:
1. Schulische Bildungsvermittlung und private Nachhilfe
Übervolle Lehrpläne, hoher Lerndruck, zu große Klassen und kaum vorhandene individuelle Förderung haben dazu geführt, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler Probleme haben, den Unterrichtsstoff zu bewältigen und mit dem Lerntempo Schritt zu halten.
Die Folge ist, dass immer mehr Eltern zu privater Nachhilfe gezwungen sind, um den Schulerfolg ihrer Kinder sicherzustellen. Dabei sind längst nicht mehr nur die Gymnasiasten betroffen. Nach Aussage des BLLV erhalten in Bayern inzwischen 20 Prozent aller Grundschüler Nachhilfe.
Das bedeutet nicht nur, dass die Schulen ihren Bildungsauftrag immer weniger erfüllen können, und dass Milliardensummen privat in Bildung investiert werden müssen, sondern auch, dass schulischer Erfolg immer stärker vom Geldbeutel der Eltern abhängt, zulasten der Chancengleichheit.
2. Wohnortnahe Schule und Schulsterben in Bayern
Viele Gemeinden in Bayern haben in den letzten Jahren ihre Schulen verloren. Fast alle Teilhauptschulen im Freistaat sind mittlerweile abgewickelt. Nun richtet sich das Augenmerk der Finanzpolitiker auf kleinere Grund- und Hauptschulen.
Die Folge sind immer weitere Schulwege schon für jüngere Schulkinder, ein stark ausgedünntes Schulangebot und damit weniger Möglichkeiten, weiterführende Abschlüsse zu erwerben und ein Ausbluten vieler kleinerer Gemeinden, die mit den Schulen auch an Attraktivität gerade für Familien verlieren.
Ein Konzept zum Erhalt wohnortnaher Schulen mit der Möglichkeit, überall in Bayern begabungsgerechte Abschlüsse erwerben zu können, hat bisher nur die SPD-Landtagsfraktion vorgelegt. Die CSU-Mehrheit verschläft mit dem Landesentwicklungsprogramm (LEP) die demographische Entwicklung.
3. Ungerecht und selektiv - das bayerische Schulwesen
Endlich ist er da, der bayerische Bildungsbericht, und er zeigt deutlich die vielen Schwächen des bayerischen Bildungswesens auf. Insofern ist zu begrüßen, dass der Bildungsbericht endlich erstellt worden ist, und dass er offen die Probleme anspricht.
Diese freilich sind weder neu noch überraschend. Wie schon frühere Studien gezeigt haben, besteht in Bayern ein starker Zusammenhang zwischen schulischem Erfolg und sozialstrukturellen Faktoren. Von Chancengleichheit kann von daher kaum die Rede sein.
So hängt der Schulerfolg unter anderem ab vom finanziellen Hintergrund der Familie, aus der ein Kind stammt, von der Nationalität der Eltern (Migrationshintergrund) und sogar von der Region innerhalb Bayerns, in der ein Schüler lebt.
4. Lehrermangel in den Schulen
Auch zum neuen Schuljahr zeichnet sich ein bekanntes Bild ab. An den Schulen aller Schularten fehlen Lehrer für kleinere Klassen, weniger Unterrichtsausfall und mehr individuelle Förderung, und fertig ausgebildete Lehramtsabsolventen stehen auf der Straße, weil sie keine Stellen erhalten.
Zudem scheint sich zu bestätigen, dass die Neueinstellungen im nächsten Jahr noch nicht einmal die Abgänge durch Pensionierungen, Beurlaubungen etc. ausgleichen werden. Die ohnehin schon dünne Lehrerdecke bekommt noch mehr Löcher.
Die Personalplanung des Kultusministeriums orientiert sich weder am aktuellen Bedarf, noch am pädagogisch Notwendigen und schon gar nicht am Angebot der teuer ausgebildeten Bewerber. Vielmehr scheint der Finanzminister der Personalchef des Kultusministeriums zu sein.
5. Gesetzes-Aktionismus und Hau-Drauf-Pädagogik
Mit einer ganzen Reihe von Gesetzesänderungen im BayEUG (Bayerisches Erziehungs- und Unterrichtsgesetz) glaubt das Kultusministerium offenbar, verschiedene akute Probleme des bayerischen Schulwesens gelöst zu haben.
So gibt es nun keine Probleme mehr mit rauchenden Schülern, gewaltverherrlichenden und pornographischen Handy-Inhalten sowie mit gewalttätigen und störenden Schülern. Denn alle diese Probleme wurden per Gesetz jetzt verboten.
Aufklärung über Suchtproblematiken, über Menschenrechte, moralisches und gesellschaftsgerechtes Verhalten, sowie Hilfsangebote und sozialpädagogische Fördermaßnahmen für betroffene Schülerinnen und Schüler sind hingegen nicht vorgesehen.
6. Die Schwächung der Volksschulen zugunsten der höheren Bildungswege
Während das Gymnasium mit dem G8 und die Realschule mit der R6 aus Sicht des Kultusministeriums gestärkt wurden, entpuppt sich die versprochene Stabilisierung der Hauptschulen weiterhin als bloße Rhetorik. Der Abfluss von Mitteln, Personal und Schülern setzt sich fort.
So werden insbesondere bei den Volksschulen bei weitem nicht alle geeigneten Bewerber eingestellt, die vorhanden wären, obwohl gerade bei den Hauptschulen der Bedarf an zusätzlicher Betreuung und Förderung am größten wäre. Mehr noch, werden im Haushalt Mittel und Stellen von den Volksschulen abgezogen, um sie Realschulen und Gymnasien zuzuschlagen.
Begründet wird dies mit dem Anstieg der Schülerzahlen vor allem an den Realschulen, der sich aus der Abwanderung der leistungsstärkeren Schüler von den Hauptschulen ergibt. Die Hauptschulen werden damit konsequent weiter geschwächt, die verbleibenden Schüler bleiben im Regen stehen.
7. Kombiklassen als neuestes Sparmodell aus dem Hause Schneider
Bayerns Schulklassen gehören mit 25 bis 30 Schülern im Schnitt und mit bis über 36 Schülern im Einzelfall zu den größten in Deutschland. Wie sich damit selbst unter absurden pädagogischen Bedingungen noch Personal einsparen lässt, will jetzt das Kultusministerium in der Praxis beweisen.
Ein Beispiel: Was tun bei 90 Grundschülern, die sich über zwei Jahrgangsstufen verteilen. Antwort A: Man bildet vier Klassen mit je 22 bis 23 Schülern und attraktiven Lernbedingungen unter Einsatz von 4 Lehrerstellen. Antwort B: Man bildet drei Klassen mit jeweils 30 Schülern, wobei eine Klasse "jahrgangsübergreifend" zusammengesetzt wird, unter Einsatz von 3 Lehrerstellen. Verzichtet man dann noch auf pädagogische Konzepte für dieses Modell, so ergeben sich erhebliche Einsparmöglichkeiten.
8. Bildungspolitik unter finanziellen Vorbehalten
Der Ministerpräsident und sein Finanzminister haben es schon angekündigt: Die Schwarze Null soll Bayern auch weiterhin erhalten bleiben. Für den Doppelhaushalt 2007/2008 stellt sich deshalb, nachdem nun endgültig fast alle Reserven aufgebraucht sind, die Frage, woher das Geld kommen soll.
Für die Bildungspolitik stellt sich angesichts dessen und mit Blick auf die zahlreichen angekündigten bzw. versprochenen und somit zu finanzierenden neuen Aufgaben die Frage, wo die nächsten Einschnitte im Bildungshaushalt erfolgen sollen.
So steht noch immer die versprochene Erhöhung der Mittel für Schulsozialarbeit im Raum, auch soll es endlich mehr und echte Ganztagsschulen geben. Sogar mehr individuelle Förderung ist kein Tabu mehr. Ohne zusätzliche Mittel für den Bildungshaushalt wird dies alles aber nicht zu finanzieren sein; so bleibt es bei bloßen Ankündigungen.
(24.07.2006)