Tür an Tür im Europäischen Haus. Das gegenseitige Verständnis zwischen Deutschen und Tschechen wächst.
Von Franz Maget, MdL, Vizepräsident des Bayerischen Landtags.
Das deutsch-tschechische Verhältnis wird immer noch von zwei dramatischen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts geprägt. Zum einen ist es das Münchner Abkommen von 1938 und die daraus folgende Annexion des Sudetenlandes durch das Deut-sche Reich. Zum anderen ist es die Vertreibung der Deutschen am Kriegsende 1945. Diese Daten wirken bis heute nach, wie die Diskussion um die so genannten Benes-Dekrete zeigt.
Mittlerweile gibt es aber eine völlig neue Qualität in den Beziehungen beider Länder. Der Eiserne Vorhang ist beseitigt, unsere östlichen Nachbarstaaten sind zu Demokratien und auch Mitglieder der Europäischen Union geworden. Mit unseren tschechischen Nachbarn bewohnen wir Zimmer an Zimmer das gemeinsame EUropäische Haus.
Die EU bringt viele wirtschaftliche Vorteile, vor allem aber ist sie ein großes Friedensprojekt. Mein Vater war noch als Wehrmachtssoldat mit dem Artilleriegeschütz in Frankreich, Polen und Russland. Meine Kinder können heute halb Europa bereisen – ohne Grenzkontrollen. An kaum einer anderen Grenze unseres Landes sticht dieser Qualitätssprung mehr ins Auge als an der zwischen Bayern und Tschechien.
Wo man früher erst nach mühsamer und zeitraubender Antragsstellung für ein Visum, und selbst dann erst nach stundenlangen Wartezeiten über einen bewaffneten Grenzübergang einreisen durfte, heißt es heute freie Fahrt für freie Bürger. Der kulturelle und wirtschaftliche Austausch zwischen den Grenzregionen floriert. Die Sudetendeutschen haben ganz selbstverständlich ein anerkanntes Sudetendeutsches Büro in Prag. Die Seliger-Gemeinde trifft sich in Teplitz. Die Ackermann-Gemeinde hält ihr Bundestreffen in Pilsen ab. Mitteleuropa wächst längst wieder zusammen.
Diese Entwicklung markiert den schier unglaublichen Erfolg der europäischen Integration. Gerade in Krisenzeiten dürfen wir das niemals vergessen.
Daraus ergeben sich Konsequenzen: für die Politik der Regierungen und für die Arbeit der Vertriebenenorganisationen gleichermaßen. Gefragt sind jetzt Brücken der Verständigung, Foren der Begegnung, Projekte der Zusammenarbeit. Die Aufarbeitung der Vergangenheit muss heute unter dem Aspekt des friedlichen Miteinanders stehen.
Belastungen aus der Vergangenheit brauchen nicht verschwiegen, müssen aber überwunden werden. Beispielhaft dafür sind:
- das Collegium Bohemicum in Aussig, in dem junge Wissenschaftler die wunden Punkte der deutsch-tschechischen Geschichte objektiv aufarbeiten.,
- die tschechische Geschichtsinitiative „Antikomplex“ (siehe Seite 7),
- die Ausstrahlung einer Dokumentation über Gräuel an Deutschen nach Kriegsende im tschechischen Staattsfernsehen,
- der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds mit seinen vielen Projekten,
- das Zentrum gegen Vertreibungen, wenn es nicht rückwärtsgewandt, sondern als sichtbares Zeichen mit europäischer Dimension verstanden wird.
Beispielhaft könnte auch eine deutsch-tschechische Hochschule in Ostbayern werden, wie sie SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher vorschlägt.
An Brücken wie diesen gilt es weiter zu arbeiten. Deutsche und Tschechen wohnen jetzt Tür an Tür im europäischen Haus. Es wäre hilfreich den Nachbarn zu kennen, mit ihm gut auszukommen und sich gegenseitig die Blumen zu gießen.
Vizepräsident des Bayerischen Landtags. Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion von September 2000 bis Oktober 2009. Rundfunkrat