Das Wunder der Integration. 60 Jahre Charta der Heimatvertriebenen.
Von Christa Naaß, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion
Der Sudetendeutsche Tag 2010 findet wenige Wochen vor der 60. Wiederkehr des ersten „Tags der Heimat“ statt. Dieses Datum, der 5. August 1950, ist ein historisches, denn damals wurde die „Charta der Heimatvertriebenen“ unterzeichnet.
Bis August 1950 waren acht Millionen Menschen aus ihrer Heimat in den westlichen Besatzungszonen angekommen. Weitere vier Millionen hatten auf dem Gebiet der späteren DDR Zuflucht gesucht.
Wer die Bedeutung der „Charta“ würdigen will, muss sich die Situation der Vertriebenen 1950 vor Augen führen: Der Wiederaufbau steckte in den Anfängen. Viele lebten arm und unter schwierigsten Verhältnissen in überfüllten Lagern, waren arbeitslos oder unterqualifiziert beschäftigt und hofften immer noch auf eine Rückkehr in die Heimat. Diese Lage hätte ein idealer Nährboden für radikale Verirrungen sein können. Die Heimatvertriebenen erteilten dem jedoch eine klare Absage. Sie brachten mit der Charta zum Ausdruck, dass Rache und Gewalt für sie kein Weg in die Zukunft sind und dauerhafter Frieden nur in einem geeinten Europa möglich ist.
Welch ein Weitblick! Heute, 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges, haben wir in der EU eine Chance wie nie zuvor zum Dialog. Freie Nachbarn können die geschichtliche Wahrheit aussprechen und das Recht verwirklichen. Wir haben erreicht, wovon die Verfasser der „Charta der Heimatvertriebenen“ nur zu träumen wagten: ein geeintes, friedliches Europa der Menschen und der Menschenrechte, in dem es keine Diskriminierung mehr geben darf! Auch keine, die durch die Vergangenheit begründet ist.
Das Schicksal der Vertriebenen ist nicht vergessen. Nur in einer wahrheitsgetreuen Aufarbeitung gelingt Aussöhnung. Deshalb heißt die doppelte Aufgabe heute: Brücken bauen zwischen den Generationen und Brücken bauen zu unseren Nachbarn und in unsere Nachbarländer. Wir haben eine gemeinsame Geschichte – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch im Europa der Zukunft.
Mitglied im Ausschuss des Bayerischen Landtags für Staatshaushalt und Finanzfragen. Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion für Fragen der Aussiedler und Heimatvertriebenen.