Tourismus in Bayern muss allen gut tun
Paul Wengert und Reinhold Perlak legen Konzept vor. Keine künstlichen Erlebnislandschaften, mehr qualitatives Wachstum
Punktgenau zum Bayerischen Tourismustag 2010 hat die SPD-Landtagsfraktion auf Ihrer Herbstklausur in Bad Gögging ihr tourismuspolitisches Konzept vorgelegt und beraten.
Bei der Vorstellung des umfangreichen Papiers, das nahezu alle touristischen Segmente behandelt, betonten die beiden Autoren Dr. Paul Wengert und Reinhold Perlak, die Zukunft des bayerischen Tourismus liege nicht in künstlichen Erlebnislandschaften, in denen Technik und Illusion die Wirklichkeit ersetzen. Vielmehr gelte es, die in Bayern reich vorhandenen Potenziale voll auszuspielen unter der Maxime Authentizität und Originalität statt Beliebigkeit und Austauschbarkeit. Vor allem ökologische Aspekte und der Grundsatz der Nachhaltigkeit müssten als Gradmesser im Wettbewerb quasi als „Vision of good life" herausgestellt werden. Dazu zähle auch die viel stärkere Einbindung der Nationalparks in den bayerischen Tourismus und die Absage an Beschneiungsanlagen, die nicht ausschließlich der Verbesserung bzw. Sicherung der Schneeauflage dienten, sondern weiße Bänder in grüne Landschaften produzierten.
Undifferenzierten Wachstumsforderungen wie die jüngst von der CSU propagierte Steigerung der Übernachtungen von 10 Prozent in fünf Jahren, erteilte der tourismuspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dr. Paul Wengert, eine klare Absage. Der Schwerpunkt müsse vielmehr auf qualitatives Wachstum gelegt werden, das sich messbar in Aufenthaltsdauer, Auslastung der Betriebe, Renditen für die Betriebe, Zahl der Beschäftigten und der Gästezufriedenheit widerspiegele.
Anbieter und Leistungserbringer müssten sich schnellstmöglich und in möglichst großem Umfang die modernen Medien zunutze machen, mahnte der SPD-Abgeordnete Reinhold Perlak an. Das reiche von der Präsenz im Internet mit einer aussagefähigen, aktuellen Homepage und der Nutzung kommerzieller Internetportale über die Online-Buchbarkeit bis zur elektronischen Gästekarte, die allerdings für die Gäste attraktive Angebote enthalten müsse und damit auch für die ausgebenden Beherbergungsbetriebe Wettbewerbsvorteile bieten müsse, um auf breite Akzeptanz zu stoßen.
Auch im Tourismus müsse der Mensch im Mittelpunkt stehen. Gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung müsse vorausschauend geplant und beispielsweise für durchgängige Barrierefreiheit gesorgt werden – sowohl im öffentlichen Raum als auch im Bereich der privaten Leistungserbringer. Dies sei allein schon der Wertschätzung den Gästen gegenüber geschuldet.
Einer höheren Wertschätzung bedürfe es aber auch gegenüber den Beschäftigten im Tourismus. Auch hier müsse der Grundsatz „Guter Lohn für gute Arbeit" gelten. Um Mängel zu beseitigen und praktische Hilfestellung zu geben, soll Vermietern und Mitarbeitern im Tourismus zudem ein qualifiziertes Coaching angeboten werden. „Nicht jeder, der zwei Zimmer vermietet, ist ein geborener perfekter Gastgeber", brachte es Paul Wengert auf den Punkt. Der Wurm müsse dem Fisch schmecken und nicht dem Angler, das gelte ganz besonders im sensiblen und personenbezogenen Tourismus.
„Tourismus in Bayern muss allen gut tun, vor allem natürlich unseren Gästen aus Deutschland und der ganzen Welt, aber auch Leistungserbringern und Beschäftigten", so der Tourismuspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion.
MdL Reinhold Perlak wies darauf hin, dass Tourismuspolitik zugleich Regionalpolitik, Wirtschafts- und Mittelstandspolitik sei. 560.000 Beschäftigte und 24 Milliarden Euro Umsatz im Jahr spiegelten die immense Bedeutung dieser Leitbranche in und für Bayern wider.
Die SPD-Fraktion will ihr Konzept nun mit den einschlägigen Verbänden, Tourismusorganisationen und Tourismuskommunen diskutieren und die dort enthaltenen Forderungen zum Gegenstand von parlamentarischen Initiativen machen.